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Vorwort zu "Traumwelten"
© 2002 Blitz-Verlag

Jede Zeit hat ihre eigene Literatur. Das trifft ganz besonders auf die Science Fiction zu. Geboren 1941, bzw. 1943, wuchsen wir in Zeiten großer technologischer Veränderungen auf: die Atombombe, der Univac-Computer, Düsenflugzeuge, Raketen, Satelliten im Weltall. Nichts schien mehr unmöglich, der Griff nach den Sternen in unmittelbarer Reichweite.

Es waren die Anfänge der "modernen" SF in Westdeutschland. So wuchsen wir als Kinder auf mit Jim Parkers Abenteuer im Weltraum, den ersten Utopia-Grossbänden, Terra-Heften und Leihbüchern. Zunächst deutsche Autoren wie Clark Darlton und K. H. Scheer, dann zunehmend angelsächsische Autoren der 40er- und 50er-Jahre bestimmten unsere Träume - wie Asimov, Bradbury, Dick, Heinlein, Kuttner, Pohl, Russell, Simak, van Vogt, Wyndham. Wir waren sozusagen Kinder von Die Stunde Null bis Die Welt der Null-A.

Reisen durch Raum und Zeit und andere Dimensionen, Mutanten, Roboter, Aliens (nur hießen sie damals schlicht "Außerirdische") bevölkerten unsere Traumwelten, die wir fast ausschließlich aus Heftpublikationen bezogen - Taschenbücher tauchten erst vereinzelt auf, SF in Paperbacks oder Büchern waren eine Rarität. Auch war es eine Welt der Romane - bis, ja bis zum Erscheinen 1955 von Utopia-Magazin und 1958 von Galaxis-Magazin; da kamen wir erstmals so richtig in Berührung mit dem Genre der Kurzgeschichte. Eine Ära, die mit der Einstellung dieser Serien wenig später ein allzu frühes Ende fand. Aber unser Interesse war geweckt - und mit dem Appetit kommt bekanntlich der Hunger.

Erst 1962 mit der Greenberg-Anthologie Die Roboter und wir in Terra-Sonderband erwachte die Kurzgeschichte in Deutschland zu neuem Leben; es folgten einige weitere Sammlungen amerikanischer Autoren innerhalb der Heftroman-Reihen. Allein deutschsprachige Autoren hatten bislang kaum eine Chance, ihre Stories zu veröffentlichen, und wenn, dann nur vereinzelt im seligen Utopia-Magazin.

Die erste Kurzgeschichten-Ausgabe rein deutschsprachiger Autoren war Lockende Zukunft (1957) von Heinz Bingenheimer, u.a. mit den frühen Stories von Wolfgang Jeschke und William Voltz. Es folgte 1960 Der grüne Komet von Herbert W. Franke. Den eigentlichen Durchbruch schaffte aber Voltz, als es ihm 1964 gelang, mit Quarantäne eine eigenständige Story-Sammlung in Terra zu veröffentlichen.

Bis dahin hatten wir uns, wie andere auch, auf "Fanzines", Club-Magazine, beschränken müssen, wo wir unsere ersten Gehversuche und Fingerübungen absolvierten - allen voran in Pioneer, dem Organ der Wiener SF-Gruppe.

Von Voltz' Erfolg angespornt wollten wir es ihm und den Amerikanern gleich tun. So überarbeiteten wir einige unserer alten Stories und verfassten eigens dafür etliche neue. Dabei entwickelten wir Idee und Thema gemeinsam; was der eine geschrieben hatte, überarbeitete der andere. Insgesamt 13 Geschichten, ausreichend Material für gut zwei Story-Bände, von denen wir hofften, der Verlag würde sich die besten für eine Sammlung herauspicken. Es wurden zwei daraus - Das Problem Epsilon (1964) und Treffpunkt der Mutanten (1964). Nur eine Story blieb unveröffentlicht, weil nicht in den Rahmen passend. Sie heißt Der Zahnersatz und ist die einzige humorvolle Geschichte unseres Schaffens. Klar haben wir sie zur Komplettierung in diese Sammlung aufgenommen.

So waren wir als 20-, bzw. 23-jährige Himmelstürmer unter den modernen deutschsprachigen SF-Autoren zwar nicht die ersten mit einer Story-Sammlung, dafür die jüngsten und immerhin die dritten (im Doppelpack). Und damit hatten wir der deutschen Kurzgeschichte endgültig zum Durchbruch verholfen. Andere sollten, im gleichen Zahrzehnt, unserem Beispiel folgen - Kneifel, Ewers, Darlton/Artner, Andreas, Jeschke...

Wie es dann weiter ging? Nach einem vierbändigen Zyklus Das Galaktikum, kürzlich in der Klassiker-Reihe dieses Verlages nachgedruckt (es darf bestellt werden), trennten sich unsere Wege.

Während Helmuth W. Mommers, der auch als Literaturagent, Übersetzer und Herausgeber von Anthologien tätig gewesen war, sich 1966 allzu früh aus dem aktiven SF-Leben zurückzog, um einem "bürgerlichen" Beruf nachzugehen, der ihn über die Datenverarbeitung ins Metier des Juweliers führte, stieg Ernst Vlcek nach etlichen weiteren solo verfassten Romanen und Kurzgeschichten, sowohl im Genre der Science Fiction wie auch der Fantasy und des Horrors, über seine Mitwirkung bei Perry Rhodan zu einem gefeierten Star der deutschen SF-Szene auf - mit einem Werk, das über 300 Romane und an die 60 Stories umfasst.

Diese Ausgabe enthält alle 12 Stories aus den beiden Sammlungen- außerdem noch zwei, die in Anthologien erschienen sind, und vier weitere bislang unveröffentlichte: alle, die wir jemals gemeinsam verfasst haben. Es ist ein nostalgischer Rückblick, fast ein kleines Zeitdokument. Denn was einmal "Meilensteine" in der deutschen SF gewesen sein mögen, darf heute noch als "Markierpunkte" bezeichnet werden - auf dem Weg, den die SF in deutschsprachigen Raum genommen hat.

Es hat uns "Altherrenriege" um die Sechzig einen Riesenspaß gemacht, diese Sammlung zusammenzustellen und zu kommentieren. Nun bleibt uns nichts weiter als zu hoffen, dass sie Jung und Alt auf eine Entdeckungsreise führen möge - vorwärts in die Vergangenheit und zurück in die Zukunft. Nichts könnte uns mehr erfreuen, als dass auch Ihr, liebe Science Fiction Freunde, Euren Spaß daran habt.

Ernst Vlcek/Helmuth W. Mommers
2002, Brunn a.G./A 2002, Mallorca/E

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